Über Chance Lauschtour, Kirner Krise, Runder Tisch, Onkel Joe Weingarten, Maßnahmen im Hintergrund. die Rolle der Medien…

Mal was ausgefallenes und zugleich übertrieben zynisches gleich zu Beginn! „Das Kirner Land so vielfältig!“Der immer wieder gern zitierte Werbe-Slogan prägt sich ein. „Den Spuren der Geschichte folgt man am besten bei einer Stadtführung oder der Lauschtour durch Kirn.“ Soso! Keine Frage, man erfährt viel Wissenswertes über Land und Leute. Nunmehr gilt es allerdings noch, die Vorkommnisse der Massenschlägerei zu vertonen und als weiteres Highlight Kirner Stadtgeschichte einzupflegen: „Hier am Originalschauplatz in der Ecke Steinweg/Kallenfelser Straße gipfelte einst eine Fehde zweier verfeindeter Familien-Clans in eine brutale Massenschlägerei mit Eisenstangen und Baseballschlägern, deren spektakuläre Bilder und Filmaufnahmen sich in Windeseile verbreiteten…!“ Boah, was wäre das für eine Dramatik! Wenn die  sich noch eins zu eins mit den Hintergrundgeräuschen und Schreien des Abends vertonen ließen, dann dürfte es den Zuhörern eiskalt den Buckel runterlaufen. WOW, Kirn als Schauplatz gefährlicher Clan-Kriminalität – wenn das mal keine touristische Nische bedient. Hey, bissel Aufbauschen muss erlaubt sein. Auf den Vorfall kann die Stadt zwar nicht stolz sein, aber als kleine Entschädigung für verlorenes Sicherheits-Empfinden und für den vorauseilenden Ruf einer gefährlichen Stadt, ließe sich das Ereignis wenigsten vermarkten. „Kommt nach Kirn, zum Schauplatz von Fehden „krimineller Clans“ – passt. Das Potenzial hat keine andere Kleinstadt in dieser Form zu bieten. Die Werbemaschinerie sollte man daher ruckzuck in Gang setzen, bevor die „KRISE“ sich am Ende noch abschwächt. Vielleicht ließen für Gruppen-Buchungen die massiven Kampfszenen sogar mit Laienschauspielern nachstellen. Rosige Tourismus-Zeiten stehen bevor. Profit aus dem negativen Image ziehen – passt!

Apropos Krise. Im Zusammenhang mit der Massenschlägerei ist das böse Wort in aller Munde. Sogar führende Politiker haben unter diesem unangemessenen Oberbegriff zum runden Tisch eingeladen. Der wird nach solchen Vorfällen ja immer reflexartig einberufen, sowohl um die Wogen zu glätten, als auch Handlungsschnelligkeit zu vermitteln. Volkes-Meinung zu solchen aus ihrer Wahrnehmung „Laber-Treffen“ ist ja hinlänglich bekannt und muss an dieser Stelle nicht mehr weiter kommentiert werden. Der Blog stört sich nicht an der Zusammenkunft, vielmehr an der Bezeichnung „KRISEN-TREFFEN“. Wenn zwei Familien sich gegenseitig auf die Nüsse hauen, wo bitteschön lässt sich daran eine Krise für eine ganze Stadt ableiten? Handelt es sich nicht eher um einen internen Konflikt, der kurioser- und zuffälligerweise gerade Kirn in einen völlig überzogenen Ausnahmezustand versetzte? Ein regelrechter Aufruhr zieht sich gerade kreuz und quer durch alle Bevölkerungsschichten, nur weil unter dem Strich pubertierende Jugendliche einen Schulhofdisput erst in die Familien und dann auf die Straße trugen? Wahnsinn, was Testosteron mit Teenagern macht. Und Wahnsinn, was ein erhöhter Spiegel in letzter Konsequenz noch so alles auslösen kann. Zwei Familien außer Rand und Band treiben eine an sich intakte Gesellschaft mit all ihren Facetten und Strukturen vor sich her. Aufwand und Kosten sind immens. Angesichts des Ausmaßes schreit der gesunde Menschenverstand regelrecht nach Erdung und Verhältnismäßigkeit! Alle kriegen sich nicht mehr ein: Seither erhöhte Polizeipräsenz in der Innenstadt unterstützt von Hundeführern und Zivilkräften. Eine Sonderkommission in Mord-Ermittlungs-Stärke mit sage und schreibe mehr als einem Dutzend Beamten .widmet sich seither der Aufklärung. Runder Tisch, politische Konsequenzen, Intergationsschlappe und, und, und. Alle Beteiligten sind darum bemüht die Angelegenheit wieder einzufangen, veranstalten aber ein herausposauntes „KRISEN-TREFFEN“. Wäre das Volk ein Patient, dann bekäme der im übertragenen Sinn gleichzeitig Aufputschmittel und Beruhigungsmittel in hohe Dosen verabreicht. Passt nicht zusammen. Gut gemeint zwar, aber nicht zu Ende gedacht! So wird das nix mit einer dauerhaften Beruhigung, geschweige denn wächst so schnell Gras drüber.  

Wenn sich im Internet Filme über eine Massenschlägerei schneller verbreiten, als Einsatzkräfte vor Ort sind, dann ist was faul im Staate Dänemark. Die Bilder lasten wie ein Fluch auf dem ansonsten doch eher beschaulichen Provinzstädtchen. Warum? Nun, die offenbaren Brutalität in der schärfsten Dimension. Für geraume Zeit wird Kirn in einem Atemzug mit Ausländerproblemen, Angst, Schrecken und Gewalt in Verbindung gebracht werden. Lucky TJ hatte sich seinen vor der Wahl versprochenen Image-Film über das Kirner Land gewiss anders vorgestellt. Blöd, der „Action-Streifen“ lässt sich nicht mehr einfangen. Ob der Regisseur eine Ahnung davon hatte, was er damit anrichtete? Merke, ohne Film, keine Aufmerksamkeit. Keine Sau hätte was mitbekommen. Macht die Sache zwar nicht besser, aber einfacher. Eine schlichte Polizeimeldung von zwei sich kloppenden verfeindeten Familien wäre zwei Tage später in einer Randnotiz erwähnt worden. Kein Bohai danach! Die Polizei hätte den Vorfall in Ruhe abarbeiten können, den runden Tisch hätte es nicht gebraucht, blöde Kommentare wären der Community erspart geblieben und zu guter Letzt, eine grundsätzliche Zuwanderer-Diskussion hätte sich nicht entfacht. Jetzt wird Kirn als ein Ort mit Ausländerproblematik sowie Angst und Schrecken bei Dunkelheit auf den Straßen wahrgenommen. Handyvideos, so oder so, eine Geißel für die Gesellschaft und Ermittlungsbehörden. Ein dreifach Hoch auf die gar nicht so schlechte analoge Zeit!

Da hatte der gute „Onkel Joe Weingarten“ (SPD) einen richtigen Bock geschossen, als er die Kirner Vorfälle in Zusammenhang mit organisierter Clan-Kriminalität stellte. „Erst denken, dann handeln,“ möchte man ihm zurufen. Als gebranntes Kind müsste er doch wissen, dass Schnellschüsse mit Halbwissen meistens in die Hose gehen. Seine Korrektur im Nachhinein mag ja ehrenhaft sein, aber gesagt ist gesagt. In den Facebook-Kommentaren hat man ihm seinen Lapsus im wahrsten Sinne des Wortes um die Ohren gehauen. Er wird es verkraften. Lieber mal daneben liegen, als wie andere seines Standes ständig wachsweich daherkommen. Er ist und bleibt der Typ, der seiner nach wie vor blassen Partei wenigstens etwas Farbe verleiht.  Stets klare Kante, so sein Credo. Dass er in seiner Schlägerei-Pressemitteilung mächtig über das Ziel hinausschoss – geschenkt. Der kurzfristige Aufschrei wird rasch verstummen. Das Lehrgeld wird er verkraften können, seine Partei auch? Dort steht der Gute noch immer unter kritischer Beobachtung.   

Wenn es etwas gibt, was die Wut der Menschen weckt, dann ist es Ohnmacht oder Schockstarre. Von der kann in Kirn zwar keine Rede sein, aber in Teilen der Bevölkerung wird die genauso wahrgenommen. „Es passiert ja nichts“ oder „die Beteiligten müssen eh keine Konsequenzen fürchten“ – so der Tenor. Und jetzt wird als Ergebnis aus dem runden Tisch noch eine Deeskalationsstrategie kommuniziert. „Man wolle beruhigen und auf die Streithähne zugehen, damit sich so ein Vorfall nicht wiederholt“- heißt es zusammengefasst. Vermitteln zwischen den Konfliktparteien, so also lautet die offizielle Strategie der Außendarstellung. Im Hintergrund dürften jedoch ganz andere Fäden gesponnen werden. Parallel zu den strafrechtlichen Ermittlungen werden die Bestrebungen nach einer räumlichen Trennung bestimmt schon auf Hochtouren forciert. Sensible Kiste. Man wird strategisch und behutsam vorgehen müssen, um die Konfliktparteien nicht aufzuschrecken. Die Holzhammer-Methode würde krachend scheitern. Die Gesetzeslage gestaltet sich schwierig. Man wird auf die Schnelle keine Handhabe vorbringen können, um das Recht auf freie Wohnortwahl zu durchbrechen. Da ist guter Rat teuer. Gefährder-Ansprache hin oder her, Abstand muss her. Sonst schwelt der Konflikt unter der Decke weiter.

Beleuchten wir zu guter Letzt mal die Rolle der Medien. Der Öffentliche Anzeiger hat in seiner Online-Ausgabe vom ersten Schlag an kräftig mitgemischt. Als das Facebook-Gerücht einer Toten im Internet herumgeisterte, sprang der sogleich auf den Zug mit auf. Anstatt sich Fakten offizieller Stellen zu bedienen, spekulierte der vogelwild mit. So arbeitet der Boulevard, aber nicht eine seriöse Tageszeitung. Logisch, die Tote hat der dann gleich wieder fallen gelassen. Erst eine Breitseite raushauen, um sie dann in der gleichen Erstmeldung wieder einzukassieren ist zwar stillos, sorgt aber für Aufmerksamkeit. Und nur um die geht es in diesen Momenten. Muss das sein? Solche unbestätigten Meldungen schüren doch nur vermehrt Ängste und heizen die Stimmung weiter kräftig mit an. Verantwortung hin oder her, auf den schnellen Klick will man beileibe nicht verzichten. So funktioniert das heutzutage. Die Berichterstattung in den Folgetagen war darauf angelegt einen breiten Querschnitt – dann eher wieder mit solider Berichterstattung – zu bieten. Hopp dann!  Jetzt hat der endlich mal was zum Austoben. Je länger der jedoch die Flammen lodern lässt, umso weniger lässt sich eine verunsicherte Bevölkerung wieder einfangen.