Die zwei Seiten der Kilian-Medaille

„Ich bin ein Kirner“ – der scheidende Bürgermeister Martin Kilian hat bei seiner Verabschiedung aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Stehende Ovationen und Lobeshymnen – zusammengefasst eine Dramaturgie, die sicherlich dem einen oder anderen auf die Tränendrüse gedrückt haben dürfte. Ehre wem Ehre gebührt. Keine Frage, der Verwaltungsexperte war der richtige Mann am richtigen Platz. Über fünf Jahre hinweg hat er den Moderator im Rathaus gegeben. Dafür bekam er viele Schulterklopfer. Zurecht! Er war stets mit Herzblut Bürgermeister. Was viele aber vergessen, sich für die Stadt aufzuopfern war nix anderes als sein Job.

Und der wurde mit Besoldungsgruppe A 15 fürstlich entlohnt. Vom Beruf in die Rente: Dass er den nahtlosen Übergang mit nur 60 Lebensjahren – knapp drei Jahre vor dem offiziellen Ende seiner Amtszeit – so elegant hinzulegen vermochte, kommt quasi als Bonus der Marke Alleinstellungsmerkmal obendrauf. Die Gesetzeslage erlaubt ihm eben den vorzeitigen Ausstieg, ohne finanzielle Einbußen hinnehmen zu müssen. Alle anderen Berufsgruppen sind da bei weitem nicht so privilegiert. Wahr ist, Kilian war ein geachteter und beliebter Vertreter seiner Zunft. Umso mehr hinterlässt sein vorzeitiger Abgang sowohl Lücke, als auch Ohnmacht. Wahr ist aber auch, dass der selbsternannte „Kirner“ in stürmischen Zeiten von Bord geht, um sich in der Komfortzone Ruhestands-Hängematte niederzulegen. Letztlich weil er es will, weil er es kann und weil er es darf. Die große Politik räumt halt ihrer Zunft angenehme Sonderrechte ohne Abschläge ein.

Die Stadt hätte in einem zu erwartenden schwierigen Prozess hin zum Ehrenamts-Bürgermeister einen hauptamtlichen Navigator, und der wäre er ja noch mehr als zwei Jahre geblieben, richtig, richtig gut gebrauchen können. Gleiches gilt für die Gewichtung im neu formierten Verbandsgemeinde-Rat. Dort wäre er als Erster Beigeordneter gesetzt gewesen. Ein gewaltiges Loch im Machtgefüge zwischen Stadt und Land hat sein Verzicht gerissen. Dort ist man gefühlt abgehängt. Provokant gefragt, hat er seine Kommune im Stich gelassen? Das Motto „Nach mir die Sintflut“ will man ihm zwar nicht unterstellen, aber ein klitzekleiner Hauch davon bleibt an seiner Person haften. Mit ihm verliert die Stadt nicht nur vorzeitig einen etablierten Bürgermeister, sondern auch Einflussnahme und Ambitionen.

Kurzum, bei aller Lebensleistung, hat er mit seinem Rückzug der Stadt einen Bärendienst erwiesen. Zwar legitim und wegen dem zu erwartenden wohldotierten Rentenbescheides menschlich nachvollziehbar, aber dennoch mit allen geschilderten negativen Konsequenzen. Dass diese auf der Hand liegenden Aspekte bisher keine Partei ansprach, verwundert. Sind die doch die Leidtragenden. Sie müssen sich neu aufstellen und überdies in einen notwendig gewordenen Wahlkampf ziehen. Was verwundert, auch der Öffentliche Anzeiger widmete der Kehrseite der Medaille keine einzige Zeile. Stattdessen steht im Kommentar: „Kirn lässt sich im Nebenamt nicht regieren.“ Nun, es wird zumindest ein dickes Brett. Kilian hätte zumindest die ersten Zentimeter im Hauptamt bohren können. Zeitgewinn schaffen für einen sauberen Übergang an einen dann vorbereiteten Ehrenamtlichen, das wäre es gewesen.

Auf den neuen Rathaus-Chef wartet jetzt das eiskalte Wasser. Als er gefühlt am meisten gebraucht wird, sagt der selbsternannte Kirner „Jung“ Tschüss, das war‘s. Ein Abschied mit Geschmäckle. Schade! Wegen eben dieser Rückseite der Medaille bleibt ihm die Erhebung in den Blog-Heldenstatus verwehrt, wohlwissend, dass er damit sehr gut leben wird können.